CD-Kritiken

Hier erscheinen in loser Reihenfolge CD-Rezensionen:


 20.11.2022 - mypan: mixta caseo patina

 17.11.2022 - Various Artists: schallplatte 25 - Zeitenwende


20.11.2022 - mypan: mixta caseo patina

Veröffentlichung: Syngate, 2022

1.

the sudden collapse of the circle

2'24

2.

somnum

6'30

3

white and the black point

5'25

4.

scottish dance with wooden spoon in the hand

3'36

5.

laponica noodle pulmenti

3'22

6.

weichspüler

4'38

7.

orange and the green triangle

4'00

8.

echoes from stephenson 2-18

16'58

Nach vier Jahren ein neues Album von Michael Stehl alias mypan - was für eine erfreuliche Überraschung! Das Album namens „mixta caseo patina“ ist auch gleich zu erkennen, denn das Cover ist wie bei seinem Debüt „perpetuum musica momentum“ gestaltet, und eben auch bei SynGate erschienen.

Der Albumtitel „mixta caseo patina“ heißt übersetzt gemischte Käseplatte - was ich schon mal richtig witzig für einen Titel halte. Und so entsteht, wie Michael Stehl im Inlet selber über sich schreibt, die Musik: „kein Konzept, sondern einfach loslegen und schauen was passiert.“ Das nicht vorhandene Konzept geht in meinen Ohren tatsächlich auf. Beim ersten Titel dachte ich, Michael sei unter die Konzertmeister gegangen: Ein kurzes, aber wuchtiges Stück für großes Orchester! „Somnum“ ist dagegen wesentlich zurückhaltender und „traditionell“ elektronischer mit Sequenzen und vangelisartiger Melodie und Instrumentierung.

So gemischt geht es weiter, sowohl musikalisch, als auch in der Betitelung der Stücke: „white and the black point“, „scottish dance with wooden spoon in the hand“, „orange and the green triangle“ oder auch „weichspüler“. Ein Musiker mit Humor, ohne Zweifel. Bei dem „scottish dance“ weiß man auch schon gleich, was einen erwartet. Und es klingt sehr gut!

Die CD hat mit 47 Minuten eine ungewohnt kurze Laufzeit, wobei die völlig in Ordnung geht. EM-Freunde sind, was Laufzeiten von Alben angeht, sicher mittlerweile ziemlich verwöhnt. Aber mir ist ein „kurzes“ Album wesentlich lieber als eines mit unnötigem Füllmaterial und langer Laufzeit.

Die Möglichkeiten elektronischer Instrumente hat mypan breit gefächert genutzt. „laponica noodle pulmenti“ ist dafür ein gutes Beispiel, vor allem im Kontrast zum Album-Opener „the sudden collapse of the circle“.

Eine absolute Kuriosität ist der Track „weichspüler“. Böse könnte man sagen, das Stück klingt tatsächlich weichgespült, aber da bin ich sicherlich auch durch den Titel beeinflusst. Was mich mehr als überrascht hat bei dem Stück ist der gesprochene Text und die Art und Weise wie er klingt. Dabei geht es um ... - nein, das verrate ich hier lieber nicht. Ich weiß nicht so recht, ob ich das Ganze ernst nehmen soll. Nun, Michael bezeichnet sich als Menschen mit Humor und Phantasie - ich habe beim Hören von „weichspüler“ nach den ersten Lachanfällen jedenfalls immer wieder ein Grinsen im Gesicht.

Das letzte Stück auf „mixta caseo patina“ ist mit knapp 17 Minuten das mit Abstand längste. Zum Titel musste ich erst einmal das Internet bemühen, denn „echoes from stephenson 2-18“ sagte mir nichts. Wer ist Stephenson? Es klärte sich schnell, dass „Stephenson 2-18“ ein sogenannter „roter Überriese“ ist, ein „sehr ausgedehnter Stern, der am Ende seiner Entwicklung angelangt ist“ (Zitat Wikipedia).

Dieser Titel ist in sich schon eine gemischte Platte, denn er besteht aus vielen Teilen, die aber bestens zusammen passen. Zu Beginn haben wir kosmische Musik mit einem tiefen Basston. Nach zwei Minuten wird es plötzlich wie eine Fortsetzung von „perpetuum sensum part 1“ vom Vorgängeralbum, und ich fühlte mich aufs Neue an das Penguin Café Orchestra erinnert. Ein regelrechter „Cut“ führt dann in perlende Sequenzerkaskaden, ambiente Sounds leiten in das lang ausklingende Ende über, das wiederum kosmisch wirkt. Der tiefe Basston vom Beginn taucht, diesmal pulsierend, wieder auf. Und es gibt immer zu vorhergehenden Teilen einzelne verbindende Elemente. - Ein wunderschönes Stück und toller Abschluss.

Auch wenn es wieder lange dauern sollte, bis ein drittes mypan-Album erscheint - darauf warte ich gerne, weil Michael Stehl einfach schöne und eigenständige Musik schafft. Und bis dahin gibt es mit den zwei bisherigen Alben angenehmen Zeitvertreib.

Andreas Pawlowski


17.11.2022 - Various Artists: schallplatte 25 - Zeitenwende

Veröffentlichung: schallwende e.V., September 2022

1.

Go Back To Start

Spectral Tune (Erik Matheisen

5'14

2.

Fractal Nutation

VoLt (Michael Shipway & Steve Smith)

7'01

3

Weather Forecast: Here Comes The Sun

Synchronized (Francois ten Have)

4'59

4.

Alien Discussions

Tonal Assembly (Dr. Taede Smedes)

5'57

5.

Turning Point

WEGA (Alexander Hardt)

6'39

6.

Silberstreif

Talking To Ghosts (Stefan Schulz)

5'24

7.

Zeit Wände

Stan Dart (Richard Hasiba)

5'43

8.

Time Is Running Out

Klang Raum Wort (Bernd Braun)

7'02

9.

Die Zeit

Rudolf Heimann

4'32

10.

wENDeZEITen

Changing Images (Volker Kuhn & Martin Kornberger)

6'50

11.

Crossing Time On Devil’s Bridge

Pergamoon (Laszlo Kovacs)

7'50

12.

End Of An Era

Däcker (Peter Dekker)

6'59

13.

Era

Saiowa (Christian Meier)

4'40

Um Missverständnissen vorzubeugen, schicke ich gleich den Hinweis vorneweg, dass ich selbst zur Jury für die Auswahl der schallplatte 25 gehöre. Trotzdem erlaube ich mir, einige Sätze zu dieser schon so viele Jahre erscheinenden Kostbarkeit namens schallplatte zu Papier zu bringen.

Es ist immer wieder eine Freude, von so vielen Einsendungen verschiedenster Musiker/-innen, Bands oder Projekten zu erfahren, was die Bedeutung der schallplatte in der EM-Szene unterstreicht. Wichtig finde ich, dass regelmäßig neue Namen dabei auftauchen, denn es ist ja ein Hauptanliegen von schallwende, neue Musikerinnen und Musiker zu fördern. Auch diese 25. Ausgabe der schallplatte bietet bisher unbekannte Künstler auf. Dass auch „alte Hasen“ wie Erik Matheisen mit von der Partie sind, freut den Rezensenten besonders.

Das musikgeschichtlich Jahrhunderte umspannende Cover von Udo Passenberg gefällt mir wieder ausnehmend gut. Das Thema „Zeitenwende“, das von den zur schallplatte beitragenden Künstlern sicher unterschiedlich interpretiert wurde, ist in vielen Titeln gut zu erkennen. Die Künstler selbst haben zu ihrer Musik Informationen geliefert, die auf der Webseite www.schallwen.de nachzulesen sind.

Die 25. schallplatte steht unter dem Thema „Zeitenwende“, und das Thema ist für mich in den meisten Tracks auch zu hören oder zu spüren. Wobei es durchaus große Unterschiede gibt, worauf die Künstler diesen Begriff beziehen. Manchmal ist es die aktuelle Lage in unserer Welt, manchmal persönliche Belange oder der Begriff wird auch musikalisch verstanden.

Ich greife ein paar Titel aus dem bunten Strauß auf der „Zeitenwende“ heraus, denn die Informationen auf der schallwende-Seite sind ja ausführlich. Und einige Stücke bzw. Musiker sprechen für sich und bedürfen nicht vieler Worte meinerseits. Zum Beispiel „Fractal Nutation“ von VoLt. Die beiden Briten sind ja Dauergäste bei den schallplatten. Kein Wunder, gehören sie doch in die allererste Garde der EM-Schaffenden, was sie auch mit diesem hoffnungsfrohen und melodiösen Track beweisen.

WEGA dagegen war mir bisher unbekannt. Mit „Turning Point“ liefert der Musiker Alexander Hardt ein tolles Stück, das im Gedächtnis bleibt. Mit wenigen Mitteln bzw. nur kurzen Melodielinien erzielt er große Wirkung. Ebenfalls neu war für mich Laszlo Kovacs aus Ungarn, der unter dem Namen Pergamoon auf der sp 25 vertreten ist. Sein Titel „Crossing Time On Devil’s Bridge“ gefällt mir sehr gut und die Beschreibung zu seinem Stück ist aufschlussreich und in der Musik bestens nachzuvollziehen.

Aus den Niederlanden kamen auch wieder einige schöne Tracks. Tonal Assembly ist mit „Alien Discussions“ vertreten, zu dem Taede Smedes von Diskussionen über mögliches außerirdisches Leben inspiriert wurde. Es sind also keine Aliens zu hören, dafür sehr zugängliche EM mit interessanten Sounds, rhythmisch und mitreißend. Ein weiterer aus unserem Nachbarland stammender Musiker ist Francois ten Have, besser bekannt als Synchronized, der scheinbar ein Abo auf die schallplatten hat. Das muss an der Qualität seiner Musik liegen ... Sein Beitrag zur sp 25 heißt „Weather Forecast: Here Comes The Sun“ und ist ebenfalls sehr positiv gestimmt - keine Spur von Sorgen. Den Titel hätte man auch als subtile Anspielung oder Warnung vor dem Klimawandel verstehen können. Warum gibt es von Synchronized eigentlich bisher nur das Album „Galaxy“ aus dem Jahr 2017? Da darf gerne ein Nachfolger her. Schön, dass wir ihn zumindest auf den schallplatten immer wieder dabei haben.

Däcker - der dritte Niederländer. Peter Dekker hat mit „End Of An Era“ eine Hymne geschaffen! Er beschreibt damit eine persönliche bzw. musikalische Zeitenwende, und das Stück hat einen völlig anderen Charakter als aktuell von Däcker gehörte Musik, wie z. B. beim Grillfest oder E-Day geboten. Seine eigene Beschreibung des Stückes passt entsprechend gut.

Beim Titel 6 beginnt die Musik tatsächlich sanft wie ein „Silberstreif“. Stefan Schulz (Talking To Ghosts) entwickelt diesen Silberstreif wie einen Sonnenaufgang. Wie Stefan schreibt, waren die Anfänge des Tracks eher düster und spiegelten Ängste wider. Dass es aber auch in den dunkelsten Zeiten und Gedanken immer wieder Hoffnung gibt, zeigt sein Stück auf beeindruckende Weise.

Den Abschluss der 25. schallplatte bildet das Stück „Era“ von Saiowa. Christian Meiers Thema sind hier die Änderungen, die die Zeit mit sich bringt. Ich kann seine Beschreibung zwar nicht unmittelbar nachvollziehen - aber „Era“ ist ein wunderschönes Stück mit einer tollen Melodie, die einen nicht loslässt und die gesamte schallplatte lange nachklingen lässt.

Mit Changing Images taucht ein lange nicht gehörter Name wieder auf. Es ist schön, die beiden Musiker Volker Kuhn und Martin Kornberger wieder gemeinsam zu hören, denn das letzte Album von Changing Images ist, wenn ich mich nicht täusche, 1999 erschienen. Ihr Stück „wENDeZEITen“ umfasst die großen Bereiche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich musste zu Beginn des Titels aber gleich an die Aggressivität denken, mit der der Krieg in der Ukraine in unser Leben eingreift. Die E-Gitarre macht das für mich deutlich spürbar.

Auch Bernd Braun (Klang - Raum - Wort) war lange Zeit nicht mehr so in meinem Blick, obwohl er auf mehreren schallplatten der letzten Jahre ebenfalls vertreten ist. Sein „Time Is Running Out“ ist ein ruhiger Track, eine gewisse Dramatik entwickelt sich aber langsam. Es wird drängender, dass uns die Zeit etwas zu verändern oder aufzuhalten, davonläuft. Wie Bernd schreibt, gibt es jedoch immer Hoffnung, was die Musik auch ausdrückt.

Getreu dem Titel „Go Back To Start“ noch ein Satz zum ersten Stück des Albums. Dieses Stück stammt von Spectral Tune, wohinter sich Erik Matheisen verbirgt. Erik hat gerade ein neues Album als Spectral Tune veröffentlicht, und zum Glück hatte er auch noch genug Kreativität für einen Track für unsere schallplatte. „Go Back To Start“ ist jedenfalls ein prima Beginn für einen solchen Sampler. Von der Überschrift her hätte Eriks Stück auch ans Ende gepasst - als klare Aufforderung. Aber vermutlich fängt man bei der „Wendezeiten“-schallplatte ohnehin nach dem Durchlaufen der CD wieder von vorne an.

Wir haben hier ein Album, das einen schönen Überblick über die aktuelle Szene der (melodiösen) EM gibt. Durch die Anzahl von 13 Mitgliedern der Jury entstand eine bunte Mischung, weil die Geschmäcker, Vorlieben und unterschiedlichen Hintergründe der Juroren meiner Meinung nach eine ausgewogene Auswahl gewährleisten. Und für mich war das Ergebnis doch eine Überraschung - man kennt halt nur seine eigene Auswahl.

Das Ergebnis der Wahl in der Form der fertigen CD zu hören, ist eine Freude. Großartig, dass so viele Musikschaffende dem schallwende e. V. ihre Kreativität, ihre Musik so großzügig zur Verfügung stellen. Danke an alle!

Andreas Pawlowski